Nyepi ist der Tag der Stille und balinesischer Neujahrstag.
Die Nacht, in der die Sterne laut wurden
Wayan spürte die Hitze des Feuers nicht nur auf seiner Haut, sondern auch in seinem Herzen. Es war der Abend vor Nyepi, der Abend des Ngrupuk. An diesem Tag ist Bali laut, schrill und chaotisch – das genaue Gegenteil dessen, was morgen sein würde.
Wayan und seine Freunde aus dem Dorf hatten monatelang an ihrer Ogoh-Ogoh-Figur gearbeitet. Sie war riesig, ein furchteinflößendes Monster mit glühenden Augen und spitzen Zähnen, das die bösen Geister, die negativen Energien – den Buta Kala – verkörperte. Gemeinsam mit hunderten anderen Dorfbewohnern trugen sie die Figur nun auf Bambusstangen durch die Straßen. Trommeln dröhnten, Bambusflöten schrillten, und die Leute schrien, um die Geister aus ihren Verstecken zu locken.
„Morgen“, dachte Wayan, während er das Monster an der Kreuzung zur Verbrennung führte, „morgen wird es still werden.“

06:00 Uhr morgens. Nyepi beginnt.
Wayan öffnete die Augen. Sein kleines Haus war dunkel, da er die Vorhänge fest zugezogen hatte. Es war totenstill. Kein Hupen der Roller, kein Krähen der Hähne, keine Stimmen der Nachbarn.
Amati Geni – kein Feuer, kein Licht.
Amati Karya – keine Arbeit.
Amati Lelunganan – kein Reisen.
Amati Lelungan – kein Vergnügen.
Wayan blieb auf seiner Matte liegen und lauschte. Normalerweise war Bali ein Ort des ständigen Lebens. Doch heute hatte der Pecalang – die traditionellen balinesischen Sicherheitsleute – die Straßen gesperrt. Sie patrouillierten, um sicherzustellen, dass niemand die heilige Stille stört, nicht einmal die Touristen in den Hotels.
Im Hotel „Sea Breeze“ wenige Kilometer weiter saß Sarah, eine Touristin aus Berlin, auf ihrem Balkon. Sie hatte zuerst gezögert, diesen Tag zu buchen, aber jetzt spürte sie eine tiefe Ruhe. Sie durfte das Hotelgelände nicht verlassen. Die Restaurants hatten nur ein reduziertes Angebot, und das WLAN war in vielen Regionen abgeschaltet. „Es ist, als hätte die Welt den Atem angehalten“, schrieb sie in ihr Tagebuch.
12:00 Uhr mittags.
Wayan saß im Schatten seines Hauses. Er meditierte. Die Dunkelheit, die die Insel überzog, sollte die bösen Geister täuschen, die am Vorabend verbrannt worden waren. Wenn sie dachten, die Insel sei verlassen, würden sie weiterziehen. Es war ein Tag der Reinigung – für die Insel und für ihn selbst. Er dachte an das letzte Jahr, an die Fehler, die er gemacht hatte, und fühlte, wie eine Last von ihm abfiel.
20:00 Uhr abends.
Es war völlig dunkel. Kein Schein einer Straßenlaterne, keine Lichterketten aus den Restaurants. Bali war auf der Weltkarte ein schwarzer Fleck geworden.
Wayan trat vorsichtig aus seinem Haus. Er sah nach oben. Er hatte noch nie so viele Sterne gesehen. Die Milchstraße zog sich wie ein leuchtendes Band über die Insel, die sonst so touristisch und hell war. Es war eine Stille, die so tief war, dass man sie hören konnte.
In diesem Moment verstand Sarah im Hotel, die ebenfalls in den dunklen Garten starrte, warum die Balinesen diesen Tag so liebten.
06:00 Uhr morgens. Der Tag danach.
Mit dem Sonnenaufgang endete Nyepi. Der erste Roller startete, Kinder lachten, die erste Opfergabe (Canang Sari) wurde auf die Straße gelegt. Die Insel erwachte neu, gereinigt und bereit für ein neues, friedliches Jahr.
Wayan atmete tief ein. Er fühlte sich leichter. Bali war wieder laut, aber er trug die Stille in sich.

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